„Familien im Wandel” | Schaumburger Wochenblatt

„Familien im Wandel”

Im Gespräch: Fachkräfte und Publikum beim Netzwerktreffen. (Foto: privat)
Im Gespräch: Fachkräfte und Publikum beim Netzwerktreffen. (Foto: privat)
Im Gespräch: Fachkräfte und Publikum beim Netzwerktreffen. (Foto: privat)
Im Gespräch: Fachkräfte und Publikum beim Netzwerktreffen. (Foto: privat)
Im Gespräch: Fachkräfte und Publikum beim Netzwerktreffen. (Foto: privat)

In der vergangenen Woche hat das 4. Netzwerktreffen der Frühen Hilfen Wunstorf in der Otto-Hahn-Schule stattgefunden. Unter dem Titel „Familien im Wandel: Anker finden in stürmischen Zeiten – Soziologische Einblicke und Perspektiven für die Frühen Hilfen“ tauschten sich Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen über die aktuellen Herausforderungen und Entwicklungen im Familienalltag aus.

Den Auftakt machte Erste Stadträtin Wiebke Nickel, die in ihrer Begrüßungsrede die wertvolle Arbeit der Fachkräfte lobte und auf die Herausforderungen im Kitabereich hinwies. Sie betonte, dass die Stadt bereits Maßnahmen ergriffen habe, um den steigenden Anforderungen zu begegnen, beispielsweise durch vorübergehende Gruppenreduzierungen aufgrund von Personalmangel oder einer hohen Zahl an Kindern mit besonderem Förderbedarf. Zudem sei der Aufbau von Familienzentren in Planung, um Eltern noch besser zu unterstützen. Danach sprachen Kristina Quakulinsky, Leitung des Koordinierungszentrums Frühe Hilfen Frühe Chancen der Region Hannover, und die Netzwerkkoordinatorin Jessica Rabsch der Frühen Hilfen Wunstorf. Quakulinsky ging insbesondere auf die wachsenden Herausforderungen ein, mit denen Familien heute konfrontiert sind, und unterstrich die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit.

Superdiversität

Es folgte ein Fachvortrag über Superdiversität und ihre Auswirkungen. Der Fachimpuls des Abends wurde von der Erziehungswissenschaftlerin Kaja Kesselhut von der Universität Osnabrück gehalten. Sie erläuterte zunächst die historische Entwicklung der Familie. So wurden Kinder bis vor 300 Jahren noch von allen Mitgliedern einer Großfamilie erzogen, später dann in der idealisierten Eltern-Kind-Familie in erster Linie von der Mutter versorgt und heutzutage findet ein immer größer werdender Teil der Kindheit in der Fremdbetreuung statt. Kesselhut zeigte anschließend auf, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf Kinder und Fachkräfte auswirken. Ein zentrales Stichwort war dabei Superdiversität – die zunehmende Vielfalt von Familienmodellen, Lebensrealitäten und sozialen Hintergründen. Kesselhut betonte, dass neben der klassischen Kernfamilie immer mehr Patchwork-Modelle, Alleinerziehende und Familien mit Migrationsgeschichte das gesellschaftliche Bild prägen. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe zudem immer weiter auseinander, was auch die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen vor neue Herausforderungen stelle. Ihr Appell an die Fachkräfte: Offenheit, Toleranz und ein individueller Blick auf jedes Kind seien der Schlüssel zu einer guten Begleitung.

Podiumsdiskussion

Aktuelle Zahlen aus dem Sozialmonitoring und den Schuleingangsuntersuchungen zeigen unter anderem Entwicklungen in den Bereichen Bevölkerungswachstum, Migration, Kinderarmut und Kitabelegung in Wunstorf auf, aber auch eine steigende Anzahl von Kindern mit Auffälligkeiten und Förderbedarfen ist klar zu verzeichnen. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit dem Thema „Ein Kind – viele Begleiter” und brachte Fachkräfte in den Dialog und regte dazu an, die Perspektive zu wechseln und gemeinsam weiterzudenken. Die Diskussion machte deutlich, dass in Wunstorf bereits eine gute Vernetzung der Fachkräfte besteht. Als erfolgreiches Beispiel wurde die jahrelange Kooperation zwischen der Heilpädagogischen Praxis Block und der Kita Arche Noah genannt. Im Schulbereich seien Unterstützungsstrukturen hingegen noch nicht so gut ausgebaut. Ein großes Hemmnis sei zudem die Bürokratie: Kinderärztin Joana Maas wies darauf hin, dass Datenschutz- und Schweigepflichtregelungen schnelle und unkomplizierte Hilfe für Kinder manchmal erschweren.

Mitglieder der Lenkungsgruppe der Frühen Hilfen Wunstorf sowie Netzwerkkoordinatorin Jessica Rabsch dankten allen Teilnehmenden für ihr Engagement und die wertvollen Impulse des Abends. Mit einer nachdenklichen Frage verabschiedete sie die Gäste: ”Sind es wirklich die Kinder, die herausforderndes Verhalten zeigen? Oder sind es vielleicht die Erwartungen der Erwachsenen und der Gesellschaft, die für Kinder immer schwerer zu erfüllen sind?” Unterm Strich zeigte das Netzwerktreffen erneut, wie wichtig die enge Zusammenarbeit aller Fachkräfte ist, um Familien in stürmischen Zeiten eine stabile Unterstützung zu bieten.


André Tautenhahn (tau)
André Tautenhahn (tau)

Freiberuflicher Journalist

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